Von Dr. Klaus Richarz

Quelle:

Naturschutzinitiative e.V. (NI)

Bundesweit anerkannter Naturschutzverband

https://naturschutz-initiative.de/wissen/publikationen/keine-windenergie-im-wald/
Einige Bundesländer machen selbst vor ausgewiesenen Natura 2000-Gebieten keinen Halt
Aufgrund lückenhafter Erkenntnisse zu Auswirkungen von Windenergieanlagen im Wald auf zahlreiche Vogel- und Fledermausarten sollte auf diese Anlagen in Wäldern verzichtet werden. Foto: Peter Draeger

Die Windenergie soll und wird einen maßgeblichen Anteil am Energiemix der Zukunft auch in Deutschland haben. Bei ihrem Ausbau darf ein weiteres gesellschaftlich und politisch unumstrittenes Ziel aber nicht gefährdet werden: der Erhalt der biologischen Vielfalt.

Schätzungsweise werden jedes Jahr etwa 225.000 Fledermäuse und mehrere Tausend Greifvögel durch die rund 30.000 Windenergieanlagen in Deutschland getötet. Geeignete Standorte im Offenland werden knapp, und damit steigt in vielen Regionen der Druck, auch Waldflächen und sogar Schutzgebiete für Windenergieanlagen zu nutzen. Bereits heute steht jede zehnte Windenergieanlage im Wald. Statt die letzten Rückzugsorte für unsere heimische Flora und Fauna konsequent zu schützen, räumt die Politik der Windenergieindustrie zunehmend Privilegien ein. Die fachliche Diskussion um die Folgen des Ausbaus der Windenergie auf bedrohte Arten wird zunehmend durch das Argument des Klimaschutzes, neuerdings verbunden mit der künftigen Versorgungssicherheit, überlagert.

Aufgrund erheblicher Defizite beim Schutz von Naturwäldern und gleichzeitig noch lückenhafter Erkenntnisse zu den Auswirkungen von Windenergieanlagen im Wald auf zahlreiche Vogel- und Fledermaus-Arten bzw. -Artengruppen, ihre Populationen und ganze Lebensgemeinschaften ist weiterhin zu fordern, auf Windenergieanlagen in Wäldern zu verzichten.

Naturnahe und Naturwälder – unverzichtbar für die Artenvielfalt und den Klimaschutz

Gerade den naturnahen und (bisher zu wenigen) ungenutzten Wäldern kommt die größte Bedeutung für die biologische Vielfalt zu. In Naturwäldern dürfen die Bäume ungestört altern und auch abgestorben im Wald verbleiben. Nur so entstehen in vollem Umfang Lebensräume für seltene und auf alte Wälder einschließlich aller Verfallsstadien angewiesene Tier- und Pflanzenarten. Aber auch gegenüber klimatischen Veränderungen sind naturnahe Wälder und vor allem Naturwälder aufgrund ihrer starken Anpassungsfähigkeit von herausragender Bedeutung. Wesentliche Merkmale dieser Wälder sind die zahlreichen alten und dicken Laubbäume, ein geschlossenes Blätterdach und die großen Mengen von lebendem und abgestorbenem Holz. Da sich ein solcher Wald durch Verdunstung von Wasser sein eigenes Klima schafft und extreme Hitze abgepuffert wird, können Naturwälder Dürre- und Hitzeperioden unbeschadeter überstehen als Nutzwälder

Im Vergleich zu Windparks im Offenland sind bei der Errichtung von Windenergieanlagen in Waldgebieten durch die für Anlage, Kranstellplatz und Zufahrtswege oft erforderlichen Rodungen sowie durch später regelmäßige Wartungsarbeiten weitere Einflussgrößen zu berücksichtigen, die sich auf die Habitatqualität und -nutzung von auf Wälder angewiesenen Vogel- und Fledermausarten sowie weiteren Säugetierarten entscheidend auswirken können. Hier sind weitere Untersuchungen notwendig, die zu belastbaren Aussagen führen, wie sie in den letzten zehn Jahren bereits für die windenergiesensiblen (Vogel-)Arten des Offenlandes erarbeitet wurden.

Die Errichtung von Windenergieanlagen kann Fortpflanzungs- und Ruhestätten beeinträchtigen, ihr Betrieb kann Kollisionen und Barotraumata[1] bei Fledermäusen auslösen, Scheuch- und Störwirkungen entfalten oder auch als Barriere in essenziellen Flugkorridoren wirken. Windenergieanlagen im Wald können damit zu artenschutzrechtlich relevanten Konflikten mit waldbewohnenden Arten führen. Die zunehmend geplante Errichtung von WEA in Waldgebieten stellt damit die Bewertung von Windparks vor neue Herausforderungen.

[1] Barotraumata („Druckverletzungen“) werden durch Änderungen des Umgebungsdrucks und dessen Auswirkungen auf luft- oder gasgefüllte Hohlräume und deren Hüllen bei Lebewesen einschließlich des Menschen verursacht. Beim Tod von Fledermäusen an Windrädern wird nur ein (kleinerer) Teil der Tiere an den Rotorblättern geschlagen. Der weitaus größere Teil der obduzierten Fledermäuse weist fatale Schäden an den Blutgefäßen im Umfeld der Lunge auf, die zum Tode führten. Die Windräder erzeugen an ihren Rotoren lokal stark schwankende Luftdruckverhältnisse, welche die Fledermäuse nicht durch ihr Echolot erkennen können. Plötzlicher Unterdruck und Verwirbelungen hinter den Rotorblättern sorgen dafür, dass ihre sackartigen Lungen wie ein Ballon plötzlich extrem expandieren, wodurch Lungen und andere innere Organe platzen und angrenzende Adern und Venen reißen können.