Von Prof. Dr. Matthias Glaubrecht


Quelle:

Naturschutzinitiative e.V. (NI)

Bundesweit anerkannter Naturschutzverband

https://naturschutz-initiative.de/wissen/publikationen/keine-windenergie-im-wald/
Prof. Dr. Matthias Glaubrecht im Interview mit Ellen Daniel und Michael Miersch

Der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht befasst sich in seinem jüngsten
Buch mit zwei globalen Krisen: dem Klimawandel und dem Artenschwund. Dabei widerlegt er den verbreiteten Glauben, die Klimaerwärmung sei Hauptursache des Aussterbens von Tier- und Pflanzenarten. Natur- und Artenschutz müssten unabhängig von der Klimafrage mehr politisches Gewicht bekommen.


Herr Glaubrecht, wie viele Tier- und Pflanzenarten gibt es
auf der Welt?

Matthias Glaubrecht: Das weiß niemand. Fundierte Hochrech
nungen haben ergeben, dass es zwischen acht und neun Mil
lionen sein könnten. Wissenschaftlich erfasst und beschrieben
sind bisher weniger als zwei Millionen. Unter den Unbekannten
sind höchst wahrscheinlich nur noch wenige Säugetiere, Vögel
und andere größere Wirbeltiere. Das Heer der unbeschriebenen
Arten bilden die Insekten.

Warum weiß man so wenig über das Leben auf der Erde?
Dass wir so wenig über die Vielfalt der Natur wissen, hat mehrere Gründe. Winzige Lebewesen nach Arten zu unterscheiden, ist schwierig. Bevor man das Genom lesen konnte, war es noch viel schwieriger. Große Gebiete des Globus wurden erst vor relativ kurzer Zeit von Biologen untersucht. Lebensräume wie die Tiefsee sind immer noch schwer zugänglich.
Es gibt trotz vieler Anläufe, so eine Institution zu schaffen, kein
internationales Artenregister. Grundsätzlich ist das Unwissen
über die Vielfalt ein völlig unterschätztes Problem. Regierungen investieren kaum Geld in dieses Forschungsgebiet, verglichen beispielsweise mit der Weltraumforschung. Das führt auch dazu, dass dieser Bereich an den Universitäten unterrepräsentiert ist und es immer weniger wissenschaftliche Experten gibt. Das zuständige Fachgebiet, die Taxonomie, ist völlig
überaltert.

Wenn man die Zahl der existierenden Arten nicht genau
kennt, was weiß man über den Artenverlust?

Von den geschätzten acht oder neun Millionen Arten weltweit
kann durch die IUCN (Weltnaturschutzunion) nur ein sehr kleiner
Teil überwacht werden. Diese derzeit erfassten etwa 160.000 Ar
ten zeigen teilweise dramatische Rückgänge in den Beständen,
von der heimischen Vogelfauna bis zu Meeresorganismen. Es
geht also nicht nur um Verluste im Sinne von ausgestorbenen Arten, sondern um einen grassierenden Artenschwund.

Welche existenziellen Folgen hat dieser Artenverlust für uns
Menschen?

Arten sind gleichsam die Atome der Lebensräume, ohne sie
funktionieren Ökosysteme nicht. Wir hängen, etwa was unsere
Ernährung, gesunde Böden, sauberes Wasser angeht, von diesen Lebewesen und den durch sie aufgebauten Lebensräumen überall auf der Welt ab. Denken Sie an die unentgeltliche Bestäuberdienstleistung der Insekten. Wenn wir diese durch Gifte ausrotten, was derzeit massiv geschieht, gehen die Erträge bei
Obst und Gemüse zurück. Die Krise der Biodiversität betrifft also nicht zuletzt unsere Ernährungssicherheit, aber auch in vielerlei anderer Hinsicht sind wir von artenreichen Böden, Wiesen, Weiden, Wäldern und Weltmeeren abhängig.

Welche Bedeutung hat der Klimawandel für den weltweiten
Verlust von Tier- und Pflanzenpopulationen?

Der Klimawandel ist nur in sehr geringem Maße am Arten
schwund beteiligt. Kaum eine Art ist nachweislich allein wegen
des Klimawandels ausgestorben. Es könnte in Zukunft sein,
dass eventuell einige besonders an Kältezonen angepasste
Pflanzen verschwinden, weil es wärmer wird. Aber im Moment
spielt das eine untergeordnete Rolle. Auch der Eisbär ist des
halb eine völlig falsch gewählte Ikone der Klimaaktivisten. Die
meisten Eisbär-Populationen sind trotz Erwärmung erfreulich
stabil. Übrigens stabiler als alle anderen großen Raubtiere. Und
das Verbreitungsgebiet ist kaum geschrumpft, anders als bei
vielen anderen Arten.

Diese Nachricht wird viele Menschen erstaunen.
Ja, das erlebe ich oft. Viele glauben, dass der Klimawandel das
alles bestimmende Umweltproblem ist. Sie nehmen an, dass der
Artenschwund ein Effekt der Klimaerwärmung sei. Nach Vorträgen haben mir Zuhörer schon vorgeworfen, dass ich die Erderwärmung verharmlosen würde, wenn ich auf das Artensterben aufmerksam mache. Dabei sage ich jedes Mal, dass die menschengemachte Erwärmung zu gigantischen Veränderungen der

Warum ist es Ihnen wichtig, diese Fehleinschätzung zu korrigieren?
Weil unser Planet durch unterschiedliche rasant verlaufende Veränderungen aus den Fugen gerät. Wenn Sie nur aufs Klima gucken, übersehen Sie das andere globale Problem. Wenn wir unsere gesamte Energieversorgung auf Erneuerbare umstellen, hilft das der Artenvielfalt kein bisschen. Es ist wichtig, die richtige Diagnose zu stellen, um wirksame Maßnahmen zu ergreifen.

Und was ist die tatsächliche Ursache des Verlustes?
Die sogenannte Landnutzungsänderung, die Umwandlung von
Naturgebieten in landwirtschaftliche Flächen. Ganz eindeutig ist
der Verlust an Lebensräumen und die Zerteilung von Lebensräumen der Artenkiller Nummer Eins. Ursache Nummer zwei ist die direkte Vernichtung von Populationen, zum Beispiel durch Waldrodung, Überfischung oder Wilderei.

Wenn die Welt sich radikal erwärmt, wie es manche Klima
forscher prophezeien, wäre dies mit einem allgemeinen
Rückgang der Artenvielfalt verbunden?

In den Tropen ist die Artenvielfalt am höchsten, in den arktischen
Zonen am geringsten. Auch erdgeschichtlich waren die Warm
zeiten die artenreicheren Zeiten. Ein hoher CO2-Gehalt in der
Luft ist gut für die Pflanzenwelt. Doch diese positiven Effekte wür
den sehr wahrscheinlich von vielen negativen Folgen einer dra
matischen Erwärmung überschattet und durchkreuzt.

Wie konnte es kommen, dass sogar in den Naturschutzver
bänden das Klimathema so dominiert, dass das Thema Ar
tenschwund an den Rand gedrängt wurde?

Einige prominente Klimaforscher haben es verstanden, komple
xe Zusammenhänge zu einer einfachen Diagnose zu verdichten
und diese hartnäckig zu kommunizieren. Bis Politik und Medien
auf den Zug aufsprangen. So wurden Umweltschutz, Naturschutz
und Artenschutz quasi zu Unterthemen des Klimaschutzes. Das
berühmte 1,5-Grad-Ziel des Klimaschutzes ist ein Narrativ, wel
ches sich über Sprachbilder verselbstständigt hat. Es ist als pla
netare Grenze nicht empirisch aus der Forschung heraus nach
weisbar. Auch die Theorie von den klimatischen Kipppunkten ist
eher ein Konstrukt der Wissenschaftskommunikation als echte
Wissenschaft.

Warum gelingt es den Biologen nicht so gut, die Gesellschaft aufzurütteln?
Solche eindringlichen Prognosen können wir in der Biodiversi
tätsforschung nicht abgeben. Wir kamen später. Die ersten Ar
beiten, die zeigten, dass es eine globale Biodiversitätskrise gibt,
erschienen vor zwanzig Jahren. Vorher war immer nur vom Aus
sterben einzelner allgemein bekannter Arten wie Tiger oder Ele
fant die Rede. Die Medien stiegen erst auf das Thema ein, als
Wissenschaftler auf einer Pressekonferenz sagten, eine Million
Arten würden demnächst aussterben. Das wurde sofort aufge
griffen. Allerdings ist diese Zahl genauso wenig belegt, wie das
1,5-Grad-Ziel der Klimaforscher. Wissenschaft ist eben nicht nur
Wissenschaft, sondern auch Teil des gesellschaftlichen Kampfes um Aufmerksamkeit.

Ein weiterer Grund für den viel größeren Erfolg des Klima
themas gegenüber dem Artenthema könnte doch sein, dass
es beim Klima eine Industrie gibt, die die Lösung verkauft.
Hinter Wind- und Solartechnik stehen Konzerne, die Lobby
organisationen finanzieren. Es gibt keine Industrie, die ein
ökonomisches Interesse am Erhalt der Artenvielfalt hat.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es gibt starke wirtschaftliche
Interessen hinter den Technologien zur Einsparung von CO2. Die Natur hat wenig Lobby. Auch in den Parteien, weil Naturschutz mit der Landwirtschaftspolitik schwer zu vereinbaren ist.
Die negativen Effekte der Windkraft sind gewaltig, wenn man bedenkt, wie viele Greifvögel und Fledermäuse den Rotoren zum Opfer fallen.
Was müsste geschehen, um dem Artenschwund Einhalt zu 
gebieten?

Es müssten viel mehr Flächen unter Schutz gestellt werden, vor
allem größere Flächen. Und diese Flächen müssen vernetzt wer
den. Denn isolierte kleine Naturflächen nützen wenig, da die
Auswirkungen der Umgebung nicht ausgesperrt werden können. Wenn ein Naturschutzgebiet von intensiv genutzten Äckern
umzingelt ist, verschwinden auch die Insekten auf der geschützten Kleinfläche. In Deutschland, aber auch weltweitmüssen wir
dringend naturfreundlichere Formen der Landwirtschaft entwi
ckeln, die der Biodiversität weniger schaden. Das Übereinkom
men über Biodiversität, das 2022 in Montreal beschlossen wur
de, hat auch Deutschland unterzeichnet. Es sieht vor, dass bis
2030 30 Prozent der globalen Landfläche dem Schutz der Bio
diversität dienen sollen.

Gibt es überhaupt noch so viel Flächen auf der Welt, die
nicht von Menschen genutzt werden?

Etwa die Hälfte der globalen Landfläche wird nicht oder nur mäßig genutzt, zum Beispiel durch Hirten mit ihren Weidetieren. Auf
unserem von Milliarden Menschen besiedelten Globus herrscht
Flächenkonkurrenz. Es wird darauf ankommen, wie wir mit Flächen möglichst naturschonend umgehen. Es hat dabei keinen Sinn, sich auf bestimmte Formen der Nutzung oder Nicht
Nutzung ideologisch und pauschal festzulegen. Die Lösungen
können von Land zu Land sehr verschieden sein. Vieles muss wahrscheinlich durch Versuch und Irrtum erst herausgefunden
werden. Aber eines ist klar: Das große Thema der Biodiversitätskrise wird das Thema Flächennutzung sein.

Die wechselnden Bundesregierungen haben sich seit Jahr
zehnten auf die Energiewende festgelegt. Mit Windkraft,
Solarenergie, Wasserkraft und Biogas soll CO2-Neutralität
erreicht werden. In Ihrem jüngsten Buch äußern Sie sich
skeptisch, was die Folgen dieser Umstellung für die Natur
betrifft.

Wenn wir die letzten verbliebenen naturnahen Flächen Deutschlands für die Stromgewinnung zubauen, wird die Artenvielfalt geopfert für einen zweifelhaften Klimaeffekt. Denn eine Reduzierung des deutschen CO2-Ausstoßes wird am globalen Klima nur
wenig ändern.
Gehen wir einmal die verschiedenen Techniken der erneuerbaren Stromgewinnung durch. Welche Auswirkungen
auf die Natur haben sie? Beginnen wir mit der Windkraft an
Land.

Die negativen Effekte sind gewaltig, wenn man bedenkt, wie viele Greifvögel und Fledermäuse den Rotoren zum Opfer fallen.
Vermutlich sind die neuesten 300 Meter hohen Windkraftanlagen
weniger schädlich, weil in diesen Höhen weniger Tiere unterwegs sind. Ganz schlecht sind die Windkraftparks in den Mittel
gebirgswäldern. Zufahrtsstraßen und Fundamente verbrauchen
dort erhebliche Flächen. Es kommt bei der Windkraft an Land
sehr drauf an, wo die Anlagen stehen. Das ist ganz entscheiden
für den ökologischen Schaden, den sie anrichten.

Wie steht’s mit Windkraft auf See?
Große Teile des Meeresbodens in Nord- und Ostsee sind durch
Grundschleppnetze durchgepflügt und dadurch ökologisch ver
armt. Die Sockel der Windräder bilden Sekundärbiotope. Mu
scheln, Krabben, Korallen und auch Fische siedeln sich dort an.
Für die marinen Organismen kann es also durchaus von Vorteil
sein. Auf der Minus-Seite steht der Lärm, der beim Einrammen
der Pfeiler in den Meeresgrund entsteht. Der verletzt und ver
treibt Schweinswale und andere Tiere mit empfindlichem Gehör.
Die Anlagen sollten auch nicht in die Zugrouten der Vögel gebaut werden.

Solarenergie?
Es gäbe viel mehr Möglichkeiten, die Photovoltaik auf längst
überbauten Flächen oder Dächern zu installieren. Aber auch
im Freiland müssen die Solaranlagen kein Nachteil für die Na
tur sein. Wenn die Fläche vorher ein intensiv genutzter Acker war
und die Solarpaneelen so hoch aufgestellt werden, dass darun
ter eine Blühwiese wächst, ist das gut für die Biodiversität. So
gar für manche am Boden brütende Vögel sind Sonnendächer
ein Vorteil, denn sie schützen die Brut vor Raubvögeln. Prob
lematisch sind Einzäunungen großer Flächen, die dazu beitra
gen, dass beispielsweise größeren Tierarten Wanderrouten ab
geschnitten werden.

Wasserkraft?
Wenn durch Stauseen ganze Täler geflutet werden, ist das na
türlich eine ökologische Katastrophe. Bei den Wasserkraftwer
ken in unseren europäischen Flüssen sterben durchschnitt
lich 20 Prozent der Fische, die durch sie hindurchschwimmen.
Manche wandernden Fischarten wie der Aal werden dadurch
immer seltener. Es gibt einige Techniken, die den Fischen eine
sichere Passage ermöglichen. Aber den perfekten Schutz gibt
es noch nicht.

Biogas?
Die Maismonokulturen, die für Biogas angepflanzt werden, sind
ökologisch ziemlich tot. In vielen Regionen verarmt dadurch die
Landschaft. Aber es gibt Alternativen, zum Beispiel das Konzept
„Bunte Biomasse“, ein Mix auf mehrjährigen Wild- und Kultur
pflanzen, die Lebensraum für Insekten, Vögel und viele andere
Tiere bieten.

Biodiesel?
Biodiesel wird leider zu einem erheblichen Teil aus Palmöl ge
wonnen. Palmölanbau ist der Haupttreiber der massiven Regen
waldrodung in Indonesien und Malaysia. Diese Wälder gehören
zu den artenreichsten Regionen weltweit

Wenn der Klimaschutz dem Artenschutz nicht hilft, wie ist
es umgekehrt? Hilft Artenschutz dem Klima?

Ja, viele Maßnahmen des Natur- und Artenschutzes reduzieren
das CO2
in der Atmosphäre und speichern es. Der Erhalt von
Wäldern, natürlichem Grasland und Mooren kommt sowohl der Biodiversität als auch dem Klima zugute. Ebenso das Wieder
aufforsten ehemaliger Waldgebiete.
Wie würden Sie die Essenz Ihres neuen Buches über das
Verhältnis von Artenkrise und Klimakrise zusammenfassen?
Klima ist nicht alles. Die Artenkrise ist zu wichtig, um sie fälschlicherweise unter das Klimathema zu subsumieren.
Dieser Beitrag ist zuerst erschienen unter: www.miersch.media

Der Naturschutz profitiert nicht vom Klimaschutz (Symbolbild erstellt mit
Hilfe von ChatGPT)

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