Von Prof. Dr. Dr. h.c. Pierre Ibisch
Quelle:
Naturschutzinitiative e.V. (NI)
Bundesweit anerkannter Naturschutzverband
https://naturschutz-initiative.de/wissen/publikationen/keine-windenergie-im-wald/

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kundgebung für
den Reinhardswald, aus Eberswalde sende ich meine solidarischen Grüße und danke für den Einsatz für den Wald. „Listen to the Science“, hört auf die Wissenschaft! Ein guter und
wichtiger Satz, der allerdings leider auch für Missverständnis
se sorgen kann. Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass
jegliche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen automatisch und unumstößlich Richtiges zu sagen hätten. Es
gibt nämlich gute und nicht so gute Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.
Die guten sind sich ihrer Sache niemals zu sicher, beleuchten
ein Problem von allen erdenklichen Seiten, schauen auf Evidenz und Plausibilität. Die nicht so guten zweifeln nicht, obwohl sie vielleicht wichtige Literatur und Befunde gar nicht kennen – und zuweilen bedenken sie nicht, dass sie sich irren könnten oder ‚blinde Flecken‘ haben könnten. Und so ist das auch mit dem Klimawandel, dem Wald und der Wissenschaft.
Der Klimawandel ist ein wissenschaftlich gut untersuchtes
Phänomen, und es gibt einen großen Konsens von sehr
vielen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die zu
ihm arbeiten, dass er real ist, bedrohlich und unbedingt zu
bremsen! Aktuell können wir den Klimawandel als Krise bezeichnen, da er sich beschleunigt und die Folgen für Natur und Mensch sich zuspitzen. Es ist wissenschaftlich gut und plausibel begründbar, dass wir uns von den fossilen Energieträgern schnellstmöglich abwenden müssen und dass
wir die Emissionen von Treibhausgasen in die Atmosphäre
vermindern müssen. Über die Wege und Strategien ist zu
streiten. Sie sollten nämlich nicht nur effektiv und effizient sein, sondern zudem dürfen sie nicht andere Krisen
verschärfen.
Auf den Wald schauen forstlich orientierte Wissenschaftler und
Wissenschaftlerinnen, und viele von ihnen sehen eine zu bewirtschaftende Landschaft, meist eine Holzproduktionsstätte.
Und es gibt andere, die schauen auf die Einzelteile, etwa die
Vögel, die Fledermäuse, die Pflanzen, die Pilze, den Boden,
das Wasser usw. Für manche hört der Wald auf zu sein, wenn
die Bäume weg oder krank sind.

nen oder entfernten Bäumen aufgehört haben Wald zu sein.“ Prof. Dr. Dr. h.c. Pierre Ibisch, Foto: Christoph Nowicki
Das ist nicht ganz richtig, da ja der Wald sich erneuert und
bislang auch nach schwerer Schädigung zum Beispiel durch
forstliche Monokulturen, durch Sturm und Hitze durchaus wie
der erholen kann. Bei der Betrachtung der Schädigung von Waldökosystemen etwa durch Klimawandel oder Holznutzung
oder Infrastruktur wie Straßen und Windkraftanlagen hängt das
Ergebnis einer Bewertung natürlich vom Ausschnitt ab, der untersucht wird.

mehrere Klagen beim VGH in Kassel eingereicht
Wer nur Fledermäuse, Rotmilane oder Wespenbussarde an schaut, wird lediglich Wirkungen beurteilen können, die diese betreffen. Wer den Waldboden analysiert, wird vielleicht Versiegelung und Verdichtung messen können. Wer das gesamte dynamisch arbeitende und sich entwickelnde Ökosystem bedenkt – gestern, heute und morgen –, wird wohl mehr erahnen, nämlich auch eine vielleicht irreversible Schädigung der Erholungsfähigkeit, mikroklimatische Randeffekte, zukünftige Risiken für den verbleibenden oder den zukünftig wieder aufwachsenden Wald. Das ist nicht einfach, das ist komplex und kann im Angesicht von Sachzwängen auch schnell verworfen werden. Es ist ein Missverständnis, dass Flächen mit geschädigten oder abgestorbenen oder entfernten Bäumen aufgehört haben Wald zu sein. Es ist ein Missverständnis, dass Wege, Schneisen und Windräder mit ihren tiefen Fundamenten und den wirbelnden Rotoren im Wald kein Problem darstellen, solange nur wenige Tiere getötet werden. Es könnte wohl auch ein Missverständnis sein, dass man Energie dort produzieren sollte, wo es einfach erscheint … anstatt es dort zu tun, wo die Energie auch verbraucht wird.
Es dürfte außerdem ein Missverständnis sein, dass wir Wälder nicht mehr brauchen, wenn sie erst einmal anfangen unter Umwelteinwirkungen zu leiden. Im Gegenteil: Im Klimawandel sind die Wälder unsere Verbündeten – nicht zuletzt als Klimaanlagen in der Landschaft, als Wasserspeicher und Kohlenstoffsenken. Werden Waldböden verwundet, freigelegt und versiegelt, werden Kohlenstoffspeicher und –senkenleistung reduziert. Kahlflächen werden sogar zur Kohlenstoff-Quelle.
Nicht jegliche Ansammlung von Bäumen, von Wegen und Schneisen durchzogen, ist auch ein arbeitsfähiger und anpassungsfähiger Wald. Wenn wir Wald wollen, müssen wir ihm Raum geben, Zeit und Ruhe. Alle vermeidbaren Störungen sind zu reduzieren. Sonst besteht das Risiko, dass wir ihn mit seinen Funktionen und Leistungen verlieren. Das ist eine plausible wissenschaftliche Aussage. Sollten wir im Angesicht von plausiblen, aber bislang kaum bedachten Risiken, den Wald weiter durchpflügen, zerschneiden und umgestalten? Die Antwort auf diese Frage ist eine gesellschaftliche und politische. Politische Entscheidungen sind gut, wenn sie sorgfältig abwägend,
ohne Druck und einseitige Beeinflussung getroffen werden. Mein Eindruck ist, dass im Reinhardswald zu leichtfertig und zu einseitig sowie auch unter Druck entschieden und gehandelt wurde. In diesem Sinne danke ich für den anhaltenden Protest und die weitere Begleitung des Windkraftprojekts im Reinhardswald, ein wichtiges Beispiel zivilgesellschaftlichen Engagements.

