„Die Wildkatze ist auf große zusammenhängende Waldgebiete mit vielfältigen Deckungsstrukturen und hoher Störungsfreiheit angewiesen.“
Die streng geschützte Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) ist eine der seltensten Säugetierarten in Deutschland. Sie steht auf der Roten Liste Deutschlands nach wie vor als „gefährdet“ (Kategorie 3). Sie ist auf große zusammenhängende Waldgebiete mit vielfältigen Deckungsstrukturen und weitgehender Störungsfreiheit angewiesen.
Insbesondere ihre Störungsempfindlichkeit erfordert ruhige Kernbereiche in ihrem Lebensraum. Einwirkungen und Eingriffe wie Besiedlung, Besucherverkehr, Erschließung durch Straßen und Forstwege können Lebensräume für Wildkatzen ungeeignet machen. Die Verinselung von Teillebensräumen und die Zerschneidung von großen Waldgebieten stellen der zeit die größten Gefährdungsfaktoren für die Wildkatze dar.
Zerschneidung von Wildkatzen-Lebensräumen. Die Nutzung von Wäldern für die Errichtung von Windindustrieanlagen (WIA) ist verbunden mit enormen Zerschneidungseffekten dieses Lebensraumes, nicht nur durch die Stellflächen der Anlagen, sondern auch durch die Zuwegungen und Kabeltrassen. Es werden autobahnbreite Schneisen in zuvor unzerschnittene Wälder geschlagen, die keineswegs zurück gebaut werden, sondern den Weg für zusätzliche Störungen in ehemals unzugänglichen Waldgebieten freimachen. Das hat eine weiträumige Entwertung potenzieller Wildkatzenlebensräume zur Folge. Wildkatzen meiden bereits „normale“ Waldwege in einem Abstand von 50 m beidseitig.
Waldlücken – bevorzugt und gemieden Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes der Deutschen Wildtier Stiftung mit dem Titel „Auswirkungen anthropogener Eingriffe im Lebensraum Wald auf die Europäische Wildkatze unter besonderer Berücksichtigung von Windenergieanlagen“ wurde im Zeitraum von 2017 bis 2019 das Verhalten von 36 besenderten Wildkatzen in drei Untersuchungsräumen analysiert.
Die Auswertung der erfassten Daten zeigte bei der Habitatnutzung die Meidung von Siedlungsräumen, Verkehrsflächen und Wegen sowie eine Bevorzugung von Waldlücken, insbesondere im nahen räumlichen Verbund mit älterem und altem Waldbestand.
Die Waldlücken, die durch Stellflächen für WIA entstanden waren, wurden von den besenderten Katzen tendenziell gemieden. Es konnte eine weiträumige Meidung von WIA-Standorten sowohl für alle erfassten Ortsdaten beider Geschlechter als auch für die Wahl von Ruheplätzen und Mutter-Ruheplätzen festgestellt werden. Insbesondere die Jungtierverstecke hatten durchweg eine Distanz von mehr als 200 m zu WIA Standorten, obwohl in der näheren Umgebung der Anlagen grundsätzlich geeignete Habitatstrukturen vorhanden waren. Das ist gleichbedeutend mit einem dauerhaften Verlust von wertvollem Reproduktionsraum für jedes betroffene Wildkatzenweibchen.
Verlust von Ruhe- und Reproduktionsraum Das festgestellte Meideverhalten gegenüber WIA-Standorten im Wald ist vergleichbar mit dem gegenüber Siedlungsräumen und Verkehrsflächen. Insbesondere bei der Wahl von Ruheplätzen werden die WIA-Standorte von beiden Geschlechtern gemieden. Somit ist von einer betriebsbedingten Störung der Wildkatze durch WIA im Wald auszugehen.
Weiterhin zeigte das Forschungsprojekt die große Bedeutung von weitgehend baumfreien Sukzessionsflächen infolge von Sturmwurf oder „Kalamitäten“ für die Reproduktion der Wild katze. Gerade aber diese ökologisch hochwertigen Flächen werden für den Bau von WIA bevorzugt.
Nach Untersuchungen von Wildbiologen ist davon auszugehen, dass beim Bau von Windindustrieanlagen im Wald ein Verlust von potenziellem Reproduktionsraum im Umfang von 35 bis 120 ha pro Anlage für ein Wildkatzenweibchen zu prognostizieren ist. Abhängig von der Geräuschemission der Anlagen kann sich der Verlust an Reproduktionsfläche auf mehr als 300 ha erhöhen. Ein Mangel an geeigneten Reproduktionsflächen kann bei Wildkatzen zum Aussetzten der Reproduktion führen.
Wälder ohne Windräder Ein negativer Einfluss auf Individuen und auf die Population der Europäischen Wildkatze ist nicht auszuschließen. Um den Lebensraumansprüchen der Art sowie dem FFH-Vorsorgeprinzip gerecht zu werden, brauchen Wildkatzen Wälder ohne Windräder.